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Neues an der Universtitaet Würzburg

Neue Risikofaktoren für Angsterkrankungen

Aktivierung des Furchtnetzes im Gehirn, dargestellt mittels funktioneller Kernspintomografie (Bild: Dr. Tina Lonsdorf, Systemische Neurowissenschaften UKE Hamburg)

Gleich mehrere neu entdeckte Varianten eines Gens erhöhen das Risiko für Angsterkrankungen. Ein Forschungsteam will aus dieser Erkenntnis neue Therapien ableiten, die noch besser auf einzelne Patienten zugeschnitten sind.

Bei Angsterkrankungen spielen psychische, soziale und erbliche Faktoren eine Rolle. Einen bislang unbekannten genetischen Weg, auf dem sich solche Erkrankungen entwickeln können, beschreibt ein Würzburger Forschungsteam im Fachblatt „Molecular Psychiatry“: Mindestens vier Varianten des Gens GLRB (Glycin-Rezeptor B) sind demnach Risikofaktoren für Angst- und Panikstörungen.

Das zeigte sich bei einer Studie, an der über 5000 freiwillige Probanden und mehr als 500 Patienten mit einer Panikstörung teilnahmen.

Wie sich Angsterkrankungen zeigen können

An Angst- und Panikstörungen leiden in Deutschland etwa 15 Prozent aller Erwachsenen. Manche verspüren extreme Angst vor Spinnen oder anderen Objekten, andere bekommen in engen Räumen oder in Menschenansammlungen Atemnot und Herzrasen. Einige erleiden die Angstzustände aber auch ohne konkreten Anlass. Für viele Betroffene ist der normale Alltag stark beeinträchtigt – sie haben oft Probleme im Beruf und ziehen sich aus sozialen Kontakten zurück.

Wie entstehen Furcht und Angst? Wie kommt es zu Angsterkrankungen, wie verlaufen sie?

Das erforschen Wissenschaftler aus Münster, Hamburg und Würzburg seit 2008 im Sonderforschungsbereich (SFB) TR 58, den die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert. Ziel ihrer Arbeiten ist es, neue und noch besser auf einzelne Patienten angepasste Therapien zu entwickeln. Behandeln lassen sich Angsterkrankungen zum Beispiel mit Medikamenten und Verhaltenstherapien.

Das Gen löst Hyperekplexie aus

Zu verbesserten Therapien könnte auch die Entdeckung beitragen, dass verschiedene Varianten des Gens GLRB mit Angsterkrankungen zu tun haben. Den Forschern war das Gen schon vorher bekannt, aber nur in Verbindung mit einer anderen Krankheit:

„Manche Mutationen des Gens verursachen eine seltene neurologische Erkrankung, die Hyperekplexie“, erklärt Professor Jürgen Deckert, SFB-Mitglied und Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Würzburg: Die Muskeln der Patienten sind ständig überspannt, und in Schrecksituationen kommt es bei ihnen zu einer überschießenden Reaktion. Das kann so weit gehen, dass die Betroffenen unwillkürlich stürzen. Ähnlich wie Personen mit Angsterkrankungen entwickeln sie ein Verhalten, mit dem sie potenzielle Schrecksituationen meiden.

Das „Furchtnetzwerk“ im Gehirn wird aktiviert

Es sind aber wieder andere Varianten des Gens GLRB, die nun erstmals mit Angst- und Panikstörungen in Verbindung gebracht werden. Sie treten häufiger auf und haben vermutlich nicht so schwere Auswirkungen. Aber auch sie führen zu überschießenden Schreckreaktionen und in der Folge möglicherweise zu einer übermäßigen Aktivierung des „Furchtnetzwerkes“ im Gehirn. Das schließen die Würzburger Forscher aus hochauflösenden Bildern, die sie von den Gehirnaktivitäten der Studienteilnehmer gemacht haben.

„Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass hier ein bisher nicht bekannter Weg zur Entwicklung einer Angsterkrankung vorliegt“, sagt Deckert. Weitere Untersuchungen müssten nun zeigen, ob sich das für die Entwicklung neuer oder individueller Therapien nutzen lässt. Denkbar ist es zum Beispiel, das vom Gen GLRB falsch regulierte „Furchtnetzwerk“ mit Medikamenten wieder auf die richtige Bahn zu bringen.

SFB kooperiert mit dem Panik-Netz

Diese Ergebnisse gewannen die Mitglieder des Sonderforschungsbereichs „Furcht, Angst und Angsterkrankungen“ in Kooperation mit Wissenschaftlern aus dem „PanikNetz“. Dieser Verbund wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell gefördert; die Würzburger Arbeitsgruppe ist auch Teil davon.

“GLRB allelic variation associated with agoraphobic cognitions, increased startle response and fear network activation: a potential neurogenetic pathway to panic disorder”, Molecular Psychiatry, online publiziert am 7. Februar 2017, DOI: 10.1038/mp.2017.2

Kontakt

Prof. Dr. Jürgen Deckert, Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Würzburg, T + 49 931 201-77000, deckert_j@ukw.de

Einige Weblinks

Sonderforschungsbereich „Furcht, Angst, Angsterkrankungen“

Panik-Netz des BMBF

Sehr gute Gründungsförderung an der Uni

6.401 Gründungsprojekte haben die Hochschulen 2016 betreut. Dies geht aus einer Studie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft hervor. Darin wird das Gründungsklima an der Universität Würzburg besonders gelobt. (Foto: Stifterverband)

Der "Gründungsradar" des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft führt die Julius-Maximilians-Universität Würzburg in der Spitze der großen deutschen Universitäten. Vor allem bei der "institutionellen Verankerung."

Der Gründungsradar des Stifterverbandes beurteilt die Rahmenbedingungen und Profile der deutschen Hochschulen, die Unternehmensgründungen an den Institutionen unterstützen sollen. Im Fokus steht die Frage, wie Hochschulen die Gründung von Unternehmen und die Entwicklung unternehmerischer Kompetenzen fördern.

Insgesamt landet die Universität Würzburg hier unter den Top zehn der großen deutschen Universitäten, also den Einrichtungen, die mehr als 15.000 Studierende haben. Dies ist eine deutliche Verbesserung zu den Jahren 2012 und 2013, in denen der Radar erstmals erstellt wurde.

"Wir haben in den letzten Jahren die Gründungsunterstützung am SFT durch eine starke Zusammenarbeit mit der Forschungsförderung, der Arbeit der Erfinder- und Patentberatung und dem allgemeinen Wissens- und Technologietransfer verstärkt. Hierdurch können wir unseren Gründerinnen und Gründern einen umfassenden Service und Unterstützung bieten. Dass der Stifterverband dies auch so deutlich wahrnimmt, freut uns natürlich sehr", sagt Professor Lukas Worschech, Leiter des Servicezentrums Forschung und Technologietransfer (SFT) an der Universität Würzburg.

Die Studie versucht wertzuschätzen, wie unter anderem in den Feldern Gründungssensibilisierung und -unterstützung gearbeitet wird und inwieweit eine nachhaltige Gründungskultur institutionell verankert ist. In die Bewertung fließt zudem mit ein, welche Gründungsaktivitäten realisiert werden. Das heißt, welchen Output die Bemühungen hervorbringen.

Universität glänzt mit institutioneller Verankerung

Unter den großen Hochschulen erreichen die Hochschule München und die Technische Universität München nun eine geteilte Spitzenposition mit jeweils 10,8 Punkten — Würzburg erreicht 9,9 Punkte.

Besonders im Bereich der Gründungsverankerung (institutionelle Verankerung) werden die Leistungen der Universität Würzburg als vorbildlich bezeichnet: Hier belegt die Uni gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie, der Hochschule München und der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf den ersten Platz.

"Gerade darauf sind wir natürlich stolz, da hier der Anspruch deutlich wird, den wir selbst an uns als Institution haben und dies aufzeigt, welche grundlegend wichtige Arbeit wir hier in der Gründungsberatung am SFT in einem fachbereichsübergreifenden Netzwerk aus Multiplikatoren und Promotoren erledigen", sagt Worschech.

Empfehlungen für Politik und Wirtschaft

Auf Basis der Ergebnisse geben die Verfasser der Studie Empfehlungen für die Hochschulen, die Politik und die Wirtschaft, um eine erfolgreiche Kultur der Gründungsförderung zu erzeugen. Dabei soll laut Studie eine erfolgreiche Gründungsförderung als ganzheitliches Konzept aus Lehre, Forschung und Beratung verstanden werden und in eine umfassende Transferstrategie eingebettet sein, die alle Wege des Wissenstransfers einschließt.

An der Uni Würzburg findet sich diese Struktur im Servicezentrum Forschung und Technologietransfer (SFT) wieder. Es integriert Erfinderberatung, Drittmittelförderung, den Technologietransfer und die Gründungsberatung. Das Zentrum arbeitet dabei sehr eng mit dem Lehrstuhl für Unternehmensgründung und Unternehmensführung und dem Alumni-Netzwerk zusammen und ist in ein starkes regionales Netzwerk eingebunden.

Alle Ergebnisse online abrufbar

Daneben beurteilt die Studie des Stifterverbandes die Schaffung von gezielten Anreizen für Transferaktivitäten oder die Unterstützung der Gründungsidee durch hochschuleigene Transferfonds als positiv. Der Politik empfehlen die Verfasser eine leistungsorientierte Vergabe von Mitteln zur Gründungsförderung und eine stärkere Berücksichtigung von Geschäftsmodellinnovationen.

Sämtliche Ergebnisse der Studie finden Sie auf der Homepage des Gründungsradars.

Kontakt

Dr. Cornelia Kolb
Servicezentrum Forschung und Technologietransfer (SFT)
Telefon: +49 (0)931 31-88652, E-Mail: c.kolb@uni-wuerzburg.de

 

Die Website des Gründungsradars:

http://www.gruendungsradar.de/

Insekten und ihre innere Uhr

Wie die inneren Uhren der Insekten ticken, kann man im Biozentrum erfahren. (Bild: Barbara Knievel)

Zu einem Tag der offenen Tür laden Insektenforscher am Samstag, 18. Februar, ins Biozentrum ein. Es geht um die innere Uhr von Insekten und wie der Mensch von deren Erforschung profitieren kann.

Insekten – bei diesem Wort denken viele Leute zuerst an lästige, krabbelnde Nervensägen oder an blutgierige Biester, die einen an warmen Sommerabenden bedrängen. Dabei sind Insekten dem Menschen in manchen Bereichen sehr ähnlich. Die Grundlagenforschung nutzt die kleinen Tiere sogar in großem Stil, um Antworten auf medizinische Probleme zu finden.

Wer mehr darüber erfahren will, sollte am Samstag, 18. Februar 2017, ab 10:30 Uhr das Biozentrum auf dem Hubland-Campus der Universität Würzburg besuchen. Dort gibt es bis 16:30 Uhr in den Hörsälen A 101, 104 und 106 ein breit gefächertes Angebot an Vorträgen und Vorführungen in deutscher und englischer Sprache. Der Eintritt ist frei.

Dank an die Steuerzahler

Veranstalter ist der Lehrstuhl für Neurobiologie und Genetik. Das Team um Professorin Charlotte Förster hat im Rahmen des Projekts „INsecTIME“ Fördergeld von der Europäischen Union erhalten und damit gut drei Jahre lang die inneren Uhren verschiedener Insekten erforscht. „Als Dank für die Förderung möchten wir dem Steuerzahler etwas zurückgeben und unsere Erkenntnisse allgemein verständlich und spannend darstellen“, so Förster.

Für Menschen relevant

Bei Insekten die Funktionsweise der inneren Uhren zu verstehen, sei für den Menschen von großer Bedeutung, erklärt die Professorin. Dieses Wissen sei beispielsweise maßgeblich, um den Einfluss des Klimawandels auf Schädlinge und Nützlinge zu verstehen. Auch Rückschlüsse auf Erkrankungen, die sich zum Beispiel aus Schichtarbeit ergeben, lassen sich aus dieser Forschung ziehen.

Das Programm des Tags der offenen Tür steht auf der Website von Charlotte Försters Lehrstuhl.

Wissenschaftliche Tagung am Freitag

Verknüpft ist der Tag der offenen Tür mit einem internationalen Symposium, das bereits am Freitag, 17. Februar, stattfindet. Es versammelt hochkarätige Insekten-Chronobiologen sowie Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler, die am EU-Projekt beteiligt sind.

Allgegenwärtig und einflussreich

Metaphorische Darstellung des regulatorischen Mechanismus der Ubiquitin-Ligase HUWE1. Als Dimer ist HUWE1 inaktiv. Die molekularen “Daumen” und “Zeigefinger”-Regionen vermitteln den Zusammenhalt der beiden Moleküle. Im Gegensatz dazu bilden einzeln vorliegende HUWE1-Molekuele im aktiven Zustand Ubiquitin-Ketten – auf eine Weise, die noch entschlüsselt werden muss. (Grafik: Katharina Beer)

Wissenschaftler der Universität Würzburg haben neue Details der Funktionsweise des Proteins Ubiquitin entschlüsselt. Diese bieten sich möglicherweise als Angriffspunkt für eine Therapie gegen Krebs an.

Das Protein Ubiquitin steuert im menschlichen Körper eine Vielzahl physiologischer und pathophysiologischer Vorgänge. Es macht damit seinem Namen als ubiquitär = allgegenwärtig bedeutsamer zellulärer Regulator buchstäblich alle Ehre. Die Frage, wie Ubiquitin seine vielfältigen Funktionen ausführt, steht im Zentrum intensiver Forschungsbemühungen weltweit und bildet die Grundlage dafür, das Ubiquitin-System für therapeutische Anwendungen besser zugänglich zu machen. Würzburger Wissenschaftler sind diesem Ziel jetzt einen Schritt näher gekommen. Sie haben dafür ihr Augenmerk auf eine bestimmte Ubiquitin-Ligase gerichtet.

Enzyme bestimmen das Schicksal

„Ubiquitin-Ligasen sind Enzyme, welche das kleine Protein Ubiquitin an zelluläre Zielproteine heften und damit das Schicksal dieser Zielproteine lenken“, erklärt Dr. Sonja Lorenz, verantwortlicher Autor der Studie. Ähnlich einer „molekularen Postleitzahl“ könne Ubiquitin Zielproteine zu bestimmten Orten in der Zelle leiten oder veranlassen, dass sie spezifische Aufgaben übernehmen, Signale übertragen, in höhermolekulare Komplexe eingebaut oder zerstört werden.

Sonja Lorenz forscht am Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin der Universität Würzburg. Mit ihrem Team und Kollegen hat sie die Ubiquitin-Ligase HUWE1 genauer untersucht und neue Details seiner Funktionsweise entschlüsselt. HUWE1 hat wichtige Funktionen in der Entstehung verschiedener Krebsarten und wird daher als vielversprechender, bisher jedoch noch nicht genutzter Angriffspunkt für therapeutische Strategien angesehen. Über ihre Ergebnisse berichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift eLife.

Divide et impera: Ein Proteinriese wird zerteilt

Aus nahezu 4.400 Aminosäuren bestehend, ist HUWE1 ist ein extrem großes Protein, dessen dreidimensionale Struktur weitgehend unerschlossen ist. „Die enorme Größe von HUWE1, verbunden mit seiner strukturellen Flexibilität stellen eine erhebliche Herausforderung für den Strukturbiologen dar“, sagt Sonja Lorenz. Um sich dem Proteinriesen experimentell zu nähern, bedienten sich die Würzburger Wissenschaftler daher zunächst der altrömischen Strategie „divide et impera – teile und herrsche“ und bestimmten die atomare Struktur eines Fragments von HUWE1 mithilfe der Röntgenkristallographie.

Diese Struktur brachte eine bisher unbekannte, aber ungemein bedeutsame Eigenschaft von HUWE1 zum Vorschein: Zwei HUWE1-Moleküle können sich zu einem Komplex, einem sogenannten Dimer, zusammenlagern und ihre enzymatische Aktivität auf diese Weise selbst abschalten.

Folgenreiche Störungen im Gleichgewicht

Wie aber wird der Zusammenschluss zweier HUWE1-Moleküle in der Zelle verhindert, wenn HUWE1 aktiv sein soll? Auch auf diese Frage fand das Würzburger Forscherteam eine Antwort: „HUWE1 liegt in einem dynamischen Gleichgewicht aus der inaktiven Dimer-Form und aktiven Einzelmolekülen vor. Verschiedene zelluläre Faktoren können dieses Gleichgewicht regulieren“, erklärt Sonja Lorenz.

Einer dieser Faktoren ist der Tumorsuppressor p14ARF, welcher HUWE1 hemmt, in Krebszellen jedoch oftmals fehlt. Die neue Würzburger Studie beschreibt erstmals auf molekularer Ebene, wie die Hemmung von HUWE1 durch p14ARF zustande kommt. „Der Einfluss von p14ARF auf die Struktur und Aktivität von HUWE1 ist unglaublich spannend und bietet eine Reihe von Möglichkeiten, die Aktivität von HUWE1 gezielt zu beeinflussen, welche wir nun angehen möchten“, sagt Sonja Lorenz.

Zur Person: Sonja Lorenz

Dr. Sonja Lorenz leitet seit April 2014 eine durch  das Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Arbeitsgruppe am Rudolf-Virchow-Zentrum der Universität Würzburg. Sie ist Vize-Sprecherin des neuen Würzburger Graduiertenkollegs 2243 „Understanding Ubiquitylation: From Molecular Mechanisms to Disease“, das in Kürze starten wird. Ihre Studien zum Wechselspiel der Ubiquitinligase HUWE1 mit dem Tumorsupressor p14ARF werden durch die Wilhelm Sander-Stiftung für medizinische Forschung gefördert.

The human ubiquitin ligase HUWE1 is regulated by a conformational switch. Bodo Sander, Wenshan Xu, Martin Eilers, Nikita Popov, Sonja Lorenz. DOI: 10.7554/eLife.21036

Kontakt

Dr. Sonja Lorenz, Rudolf Virchow Zentrum für Experimentelle Biomedizin
T: (0931) 31-80526, E-Mail: sonja.lorenz@virchow.uni-wuerzburg.de

 

 

Von Würzburg in die Welt

Joachim Kuhn (r.) von va-Q-tec beim Gang an die Börse zusammen mit Hauke Stars, Mitglied des Vorstands der Deutschen Börse. (Foto: va-Q-tec)

Nach der Promotion in Physik ein eigenes Unternehmen gründen? Im Anschluss an seine Tätigkeit im Zentrum für angewandte Energieforschung Bayern hat Alumnus Dr. Joachim Kuhn genau das getan.

Was arbeiten Absolventen der Universität Würzburg? Um den Studierenden verschiedene Perspektiven vorzustellen, hat Michaela Thiel, Geschäftsführerin des zentralen Alumni-Netzwerks, ausgewählte Ehemalige befragt.

Diesmal ist Dr. Joachim Kuhn an der Reihe. Er hat an der Julius-Maximilians-Universität im Fach Physik promoviert. Seine Firma „va-Q-tec“ produziert und vertreibt Vakuumisolationspaneele, Wärme- und Kältespeichermedien. Die Technik wird in Verpackungen, bei der Gebäudeisolierung oder der technischen Isolation, zum Beispiel bei Kühlschränken eingesetzt. 2016 ist das Unternehmen erfolgreich an die Börse gegangen.

Herr Dr. Kuhn, wie sind Sie auf Ihre Produktidee gekommen? Wir haben geforscht und entwickelt und waren dann irgendwann der Meinung, dass es einen Markt für unser Produkt, das Vakuumisolationspaneel, geben muss. Wir sind davon ausgegangen, dass viele Leute und Branchen das VIP kaufen würden. Das war aber leider nicht so. Deshalb mussten wir das Produkt erst weiterentwickeln, andere Geschäftsmodelle erstellen und neue Kunden gewinnen.

Können Sie in wenigen Sätzen den Gründungsprozess beschreiben? Bei der Gründung wussten wir noch nicht genau, was auf uns zukommen würde. Es geschah vieles durch „Learning by doing“. Mein Gründerkollege Dr. Roland Caps hat sich schon immer sehr für die Forschung und Entwicklung interessiert, während ich zu meinem physikalischen Wissen noch eine starke Neigung zu wirtschaftlichen Themen habe. So haben wir uns prima ergänzt.

Sie erhalten Auszeichnungen und sind letztes Jahr an die Börse gegangen. Was macht den Erfolg Ihres Unternehmens aus? Wir haben mehrere gute Produkte und einige innovative, gute Geschäftsmodelle. Zudem leben wir die große Verantwortung, unseren Kunden ein sehr gut funktionierendes Produkt zu liefern und ein verlässlicher Partner zu sein. Wir haben eine tolle Unternehmenskultur, geprägt von einem innovativen Spirit, der zu einem guten Teil aus unserem universitären Umfeld kommt.

Wie schaffen Sie es, langfristig gut mit Aspekten wie Erfolgsdruck und Verantwortung für eine wachsende Mitarbeiterzahl umzugehen? Das Unternehmen muss sich hier ständig weiterentwickeln und sich teilweise auch neu erfinden. Neue Strukturen oder neue Bereiche aufzubauen gehört bei uns zum Tagesgeschäft. Ich freue mich, wenn unsere Mitarbeiter und Kunden zufrieden sind, das gibt einem auch Kraft und Stärke.

Was sind Ihre persönlichen Ziele für die Zukunft? Ich freue mich, wenn es weiter so gut läuft und wenn die VIP-Technologie, deren Pionier wir sind, ihren globalen und branchenübergreifenden Weg geht. Mein Ziel ist es zu helfen, diese Technologie zu einem weltweiten Standard zu machen. Dabei kann ich mich auch persönlich weiterentwickeln und zu neuen Grenzen aufbrechen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Job-Coach-Projekt startet in Würzburg

Zum Start in Würzburg überreichte integrAIDE den ersten Job Coaches eine Schultüte (von links): Hülya Düber, Sozialreferentin der Stadt Würzburg, Professor Richard Pibernik von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Würzburg, die beiden Job Coaches Sozdar Özmen und Dieter Rohleder, Josha Riemann, Mitgründer von integrAIDE sowie Claudia Hahn und Britta Balling vom Verein Standpunkt e.V. (Foto: Gunnar Bartsch)

Vor mehr als einem Jahr ist das Hilfsprojekt für Geflüchtete integrAIDE mit dem Job Coach an den Start gegangen. Jetzt weiten die Verantwortlichen ihre Aktivitäten auf Würzburg aus.

Zwei Professoren der Universität Würzburg haben im November 2015 gemeinsam mit Studierenden der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät im Hilfsprojekt integrAIDE den Job Coach ins Leben gerufen. Ihr ehrgeiziges Ziel: Bis Ende 2018 deutschlandweit mindestens 1.000 Job Coaches auszubilden. Diese sollen dazu beitragen, dass 20.000 Geflüchtete schneller eine Arbeit finden. Die öffentliche Hand soll dadurch mindestens 100 Millionen Euro sparen.

Job Coaches sind der Schlüssel zum Erfolg. Sie arbeiten ehrenamtlich und unterstützen Geflüchtete auf dem Weg in die Arbeitswelt. Der Job Coach begleitet einen Geflüchteten persönlich bei der Arbeitssuche, kümmert sich um die Vermittlung zwischen Unternehmen und Behörden und geht mit seinem Schützling zu Ausländerbehörde und Arbeitsagentur.

Erfolgreiche Pilotprojekte in Alzenau und Schermbeck

2016 hat integrAIDE im unterfränkischen Alzenau und im nordrhein-westfälischen Schermbeck zwei Pilotprojekte gestartet – mit Erfolg: Dort konnten die Helfer mehrere Geflüchtete in Arbeit und Praktika vermitteln. Viele von ihnen erhielten danach auch Festanstellungen, beispielsweise als Altenpfleger oder Schlosser.

Jetzt dehnt integrAIDE seine Aktivitäten auf Würzburg aus und will die Stadt zur Leuchtturmregion für die Integration von Geflüchteten in Bayern machen.

Bis Ende 2018 sollen hier 35 Job Coaches 200 Geflüchteten eine Arbeit vermitteln. Aktuell werden Job Coaches gesucht, die dazu bereit sind, sich längerfristig für Geflüchtete zu engagieren. „Es gibt nicht den einen idealen Job Coach. Wir suchen Menschen, die Interesse an einer anspruchsvollen Tätigkeit haben und Teil der Lösung einer großen gesellschaftlichen Herausforderung  sein wollen“, sagt Joscha Riemann, einer der Mitgründer von integrAIDE.

Spezielle Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, die wichtigsten Inhalte werden in einem zweitägigen Seminar vermittelt.

Eine Ausbildung zum Job Coach bietet Ehrenamtlichen die Chance Geflüchteten direkt zu helfen, dabei ihre Lebens- und Berufserfahrung einzubringen und gemeinsam mit anderen Job Coaches Erfolge zu feiern. Interessierte sollten extrovertiert und offen im Umgang mit fremden Kulturen sein. integrAIDE ist ein junges Social Start-Up – das heißt, dass die Ehrenamtlichen sehr flexibel und ohne starre Strukturen agieren können.

Unterstützt wird das Konzept von der Stadt Würzburg und einem großen Partnernetzwerk, bestehend aus dem Verein „Standpunkt e.V.“, der IHK, der HWK Service GmbH und den Sozialverbänden in Würzburg.

Die Aufgaben der Job Coaches

Bewerbungsunterlagen sichten, Dokumente für Jobcenter und andere Behörden ausfüllen und die Geflüchteten persönlich zum Bewerbungsgespräch begleiten: So sehen im Wesentlichen die Aufgaben eines Job Coaches aus. Auch nach einer erfolgreichen Vermittlung steht er als Ansprechpartner zur Verfügung.

Das dafür notwendige Wissen erhält er im zweitägigen Seminar. Außerdem erleichtern speziell entwickelte Werkzeuge, wie zum Beispiel Checklisten und aufbereitete Informationen für alle wichtigen Formulare, den Job Coaches ihre Tätigkeit.

Interkulturelle Kompetenz und rechtliche Rahmenbedingungen stehen ebenfalls auf dem Stundenplan. Durch die extra für Würzburg geschaffene Koordinatorenstelle werden die Job Coaches bei Fragen direkt durch integrAIDE und im Spezialfall durch das starke Partnernetzwerk aufgefangen.

„Wir haben in den vergangenen Monaten viel positives Feedback und viel Zuspruch zu unserem Konzept erhalten“, sagt Richard Pibernik, Professor für Betriebswirtschaftslehre und einer der Gründer von integrAIDE. „Dass wir so schnell den Beweis antreten können, dass es in der Praxis auch funktioniert, bestätigt, beruhigt und motiviert uns natürlich sehr“, so Pibernik.

Stimmen der Beteiligten

Dieter Rohleder hat sich bereits für eines der Seminare in Würzburg angemeldet. Im vergangenen Jahr sei eine syrische Familie in die Nachbarwohnung eingezogen. „Wir konnten ein Jahr lang miterleben, welche Schwierigkeiten sie hatte und welche Hilfestellungen nötig sind“, berichtet der pensionierte Berufsschullehrer. Als Job Coach möchte er jetzt gezielt Geflüchtete mit seinem Know-How unterstützen.

Hülya Düber, Sozialreferentin der Stadt Würzburg, sieht großes Potential im gemeinsamen Projekt. „Die Integration von Geflüchteten wäre ohne die vielen Ehrenamtlichen kaum zu schaffen. Umso wichtiger ist es, dass sie eine solide Beratung, Schulung und Hilfestellung erhalten“, erklärt Düber. Das Konzept des Job Coaches setze genau an den richtigen Punkten an, um die bereits laufenden Initiativen ergänzend zu unterstützen.

Auch Sozdar Özmen möchte gerne Job Coach werden. „Ich habe im Rahmen eines Seminars das integrAIDE-Team unterstützt. Allerdings hat mir der tatsächliche Kontakt zu den Flüchtlingen gefehlt“, erzählt die Studentin. Als Job Coach möchte sie offen auf neue Kulturen zugehen und einen Beitrag für die Gesellschaft leisten.

Der Verein Standpunkt e.V. finanziert für zwei Jahre die Stelle des Koordinators für die Job Coaches  bei IntegrAIDE. Er führt Erstgespräche mit Geflüchteten aus der Region und wird diese im Anschluss direkt an die Job Coaches vermitteln. Zudem wird Tanja Hammerl, Vorsitzende des Vereins und Gründerin der Firma FLYERALARM, sich persönlich bei den Unternehmen der Region für das Projekt stark machen.

Die nächsten Schulungen finden am 3. und 4. Februar sowie am 17. und 18. März im Deutschhausgymnasium in der Zeller Straße in Würzburg statt.

Anmeldung bei: Bianca Heim, T (0931) 3184742, bianca.heim@integrai.de

Mehr Informationen unter www.integrai.de

Kontakt

Joscha Riemann, Flüchtlingsinitiative: integrAi.de e.V.,
T (+49) 176-61917846, info@integrai.de

Uni und Hochschulen für angewandte Wissenschaften vereinbaren Kooperation

Vertragsunterzeichnung mit (v.l.): Prof. Dr. Robert Grebner, Präsident der FHWS, Prof. Dr. Alfred Forchel, Präsident der Uni Würzburg, und Prof. Dr. Wolfgang Baier, Präsident der OTH. (Foto: Gunnar Bartsch)

Nach dem Studium an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften an der Universität promovieren: Diese Chance bietet das Verbundkolleg „Digitalisierung“. Jetzt haben die Beteiligten die Verträge unterzeichnet.

Kooperativ und strukturiert: Unter diesen beiden Schlagworten haben die Universität Würzburg, die Ostbayerische Technische Hochschule (OTH) Regensburg und die Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS) am Donnerstag, 2. Februar 2017, ein gemeinsames Promotionskolleg mit Wirkung zum 1. Januar gestartet. An der Universität Würzburg unterschrieben die Präsidenten der drei Hochschulen die entsprechende Geschäftsordnung.

Ungewöhnlich und neu daran: In dem Promotionskolleg arbeiten Betreuer und Promovierende von Hochschulen für angewandte Wissenschaften und Universitäten gleichberechtigt und gemeinsam an wissenschaftlichen Projekten – kooperativ eben – unter Ausschöpfung der spezifischen Kompetenzen der Partner. Die Promovierenden erfahren auf diesem Weg eine Betreuung durch ein Komitee und erhalten ein klar definiertes, strukturiertes Programm, das sie auf spätere Aufgaben in Wissenschaft und Industrie gleichermaßen vorbereitet.

Das Kolleg ist offen für eine Beteiligung von weiteren bayerischen Hochschulen. Es stützt sich auf die Erfahrungen mit der strukturierten Promotion, die seit zehn Jahren an den Graduiertenschulen der Universität Würzburg gesammelt wurden, und wird daher an der Graduiertenschule für Wissenschaft und Technologie angesiedelt.

Das Promotionskolleg „Digitalisierung“

Das neue Promotionskolleg steht unter der Überschrift „Digitalisierung“ und ist damit offen für eine Vielzahl von Forschungsthemen. So können zum Beispiel Studierende der OTH Regensburg sichere Software für den Pkw der Zukunft entwickeln oder FHWS-Studierende digitale Produktion oder gesellschaftliche Aspekte der Digitalisierung erforschen – genauso wie Absolventen des Studiengangs „Games Engineering“ der Universität im Verbund an ihrer Promotion arbeiten.

Aufgenommen werden herausragende promotionsbefähigte Absolventen insbesondere der Hochschulen für angewandte Wissenschaften, die zu Themen der Digitalisierung forschen. Sie erhalten spezielle Angebote zur Förderung ihrer akademischen und berufsbezogenen Qualifikation bis hin zur Promotion. Die Betreuung teilen sich Universität und Hochschulen für angewandte Wissenschaften paritätisch.

Stimmen der Beteiligten

„Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften große Talente vorhanden sind. Ich bin froh darüber, dass wir diesen Talenten jetzt einen organisatorischen Pfad hin zu einer Promotion in dem weiten Sektor der Informatik bieten können.“ Mit diesen Worten begrüßte Unipräsident Professor Alfred Forchel den Start des neuen Verbundprojekts.

Von einem „Meilenstein vor dem Hintergrund einer dynamischen Diskussion um den Zugang zur Promotion für die Absolventen von Hochschulen für angewandte Wissenschaften“ sprach Professor Wolfgang Baier, Präsident der OTH Regensburg. Das bayerische Modell vereine die Stärken beider Systeme in sich und biete die Chance, Synergieeffekte zu erzielen und Ressourcen zu konzentrieren.

„Ein großer Schritt in die richtige Richtung“: So bezeichnete Professor Robert Grebner, Präsident der FHWS die Vertragsunterzeichnung. Er sei froh darüber, dass das Kolleg in dem Bereich der Digitalisierung angesiedelt sei. Schließlich sei dieses Thema für die Zukunft Bayerns von entscheidender Bedeutung. Nun stünden die Beteiligten in der Verantwortung, diesen Bereich „nach vorne zu bringen“, so Grebner.

Sechs Promotionskollegs in Bayern

Sechs solcher Promotionskollegs wird es zukünftig in Bayern zu Kernthemen der bayerischen Hochschulforschung unter Trägerschaft verschiedener Universitäten und Hochschulen geben. Alle Kollegs sind unter dem Dach des Bayerischen Wissenschaftsforums – BayWISS – organisiert und werden durch das bayerische Wissenschaftsministerium gefördert. Sie etablieren das Modell der Verbundpromotion als Weiterentwicklung der kooperativen Promotion: strukturiert, transparent, paritätisch.

BayWISS wird als gemeinsame Einrichtung von 30 bayerischen Universitäten und HAW Verbundpromotionsprojekte auf breiter Front anregen und verstärken. Die Universitäten üben dabei weiterhin das Promotionsrecht aus. Gleichzeitig wird die Durchlässigkeit verschiedener wissenschaftlicher Karrierewege konsequent vorangetrieben.

Mehr Informationen

Facetten des Sehens

Schutzvorrichtungen am Auge sind auf diesem Schulwandbild aus dem Jahr 1916 gezeigt (Ausschnitt). Das Sehen steht auch im Mittelpunkt des neuen Würzburger Forschungskonsortiums „Insight“. (Bild: Verlag Rudolf Schick & Co., Leipzig)

Mit 500.000 Euro fördert das Bundesforschungsministerium ein neues Projekt: Die kunst- und humanwissenschaftlichen Sammlungen der Uni verfolgen darin erstmals eine gemeinsame Forschungsfrage.

„Vernetzen – Erschließen – Forschen. Allianz für universitäre Sammlungen“: In dieser neuen Förderrichtlinie unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Gemeinschaftsprojekt „Insight – Signaturen des Blicks | Facetten des Sehens“ an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. In den kommenden drei Jahren stellt das Ministerium dafür eine halbe Million Euro zur Verfügung.

 „Im Antragsverfahren gab es 52 Bewerber; 15 davon waren am Ende erfolgreich“, freut sich Professor Andreas Dörpinghaus. Der Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Bildungswissenschaft leitet das neue Projekt mit der Forschungsstelle Historische Bildmedien und unter Mitwirkung des Direktors der Universitätsbibliothek, Dr. Hans-Günter Schmidt.

Beteiligt sind vier Einrichtungen der Universität: das Martin-von-Wagner-Museum, das Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie, die medizinhistorischen Sammlungen und die Forschungsstelle Historische Bildmedien. Technisch wird das Konsortium vom Digitalisierungszentrum der Universitätsbibliothek betreut.

Die Forschungsfrage des Projekts

In „Insight“ verfolgen die kunst- und humanwissenschaftlichen Sammlungen erstmals eine gemeinsame Forschungsfrage: Wie formen ihre Medien und Objekte den Blick der Betrachter?

„Diese Frage ist angesichts der Allgegenwärtigkeit digitaler Welten aktueller denn je“, sagt Professor Dörpinghaus. Schließlich sei das Sehen nicht nur eine passive Aufnahme von Reizen, sondern immer eine Tätigkeit, die von frühester Kindheit an durch die Erziehung geprägt, durch gesellschaftliche Regeln modelliert und durch Medien normiert ist. Jeder Mensch hat demnach einen „geschulten Blick“, das Sehen ist eine kulturelle Praxis.

Bilder erziehen den Blick

Besonders deutlich wird das an Bildern, die für den Schulunterricht gemacht wurden und werden. Die Forschungsstelle Historische Bildmedien verfügt über eine reiche Sammlung solcher Bilder: „Sie vermitteln immer auch einen sozialen Geschmack, zeigen Normen und Werte auf und stabilisieren damit soziale Strukturen“, erklärt Dörpinghaus. Die Bilder produzieren eine Erziehung des Blicks, die sich auf die Persönlichkeitsbildung auswirkt.

Machtbeziehungen in der Medizin

Das Sehen wird auch in allen anderen Sammlungen thematisiert, die am Projekt „Insight“ beteiligt sind: in Darstellungen der Kunst, in psychologischen Experimenten. Nicht zuletzt geht es um den ärztlichen Blick. Auch wenn dieser um Objektivität bemüht ist, sind medizinische Bilder und Lehrobjekte doch eingebettet in Machtbeziehungen zwischen Arzt und Patient sowie in die interne Logik der Institution Klinik.

Übergreifende Ziele von „Insight“

Erforscht werden die ethischen, ästhetischen und historischen Dimensionen des Blicks, die Bedeutung und Darstellung des Sehens als kulturelle Handlung. Die Würzburger Wissenschaftler nehmen das zugleich als Anlass und Leitmotiv, um exemplarische Bestände ihrer Sammlungen interdisziplinär zu erschließen und zu digitalisieren.

Außerdem wollen sie die Sammlungen in die Forschungs- und Lehrpraxis der Universität zurück- oder einführen. Sie verfolgen auch das Ziel, die Bestände technisch und strukturell soweit zu professionalisieren, dass sie für einen interdisziplinären Wissensaustausch systematisch erfasst und international anschlussfähig sind.

„Auf diese Weise legen wir auch ein Fundament für Drittmitteleinwerbungen“, sagt Dörpinghaus. Ziel des Projekts sei ferner, eine nachhaltige technische und soziale Infrastruktur für die Vitalisierung aller Würzburger Universitätssammlungen einzurichten. Dafür ist auf lange Sicht die Etablierung eines Kompetenzzentrums Universitätssammlungen Würzburg geplant.

Renommierte Partner gewonnen

In dem Projekt stehen der Uni Würzburg zwei externe Partner zur Seite: das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt und das Deutsche Historische Museum in Berlin. „Wir sind sehr glücklich, diese beiden renommierten Museen für eine Zusammenarbeit gewonnen zu haben“, freut sich Dörpinghaus. Ferner wird das Projekt durch die Würzburger Professur für Museologie und das Universitätsarchiv unterstützt.

Die Universitätsbibliothek ist mit ihrem Knowhow technischer Dienstleister: Die Insight-Sammlungen werden durch die Bereitstellung digitaler Werkzeuge und zentraler Online-Plattformen in die Lage versetzt, ihre Bestände zu erfassen und sich mit Portalen wie Europeana, Deutsche Digitale Bibliothek oder dem Portal „Universitätssammlungen in Deutschland“ zu vernetzen. Die Sammlungen werden damit in anderen nationalen und internationalen Forschungskontexten sicht- und nutzbar.

Projektpartner an der Universität Würzburg

Partner von externen Kooperationsmuseen

Kontakt

Prof. Dr. Andreas Dörpinghaus, Leitung und Koordination des BMBF-Projekts „Insight“, Universität Würzburg, andreas.doerpinghaus@uni-wuerzburg.de

Rothirsche surfen auf der grünen Welle

Rothirsche folgen im Frühjahr dem frischen und nährstoffreichen Grün von den Tal- zu den Höhenlagen. (Foto: Rainer Simonis/Nationalpark Bayerischer Wald)

Mit dem Klimawandel verändert sich auch in hiesigen Breiten die Vegetation. Inwieweit Wildtiere in der Lage sind auf diesen Wandel zu reagieren, haben Wissenschaftler jetzt erstmals experimentell untersucht.

Die meiste Energie steckt im frischen Frühjahrsgrün. Im Laufe des Jahres sinkt die Futterqualität der Pflanzen dann beständig. In den Bergen läuft das „Greening“ – also der Austrieb – im Frühjahr von unten nach oben ab. Viele Tiere folgen im besten Falle genau dieser grünen Welle. Der Klimawandel verschiebt diesen Rhythmus jedoch. Bei kurzen Wintern sprießt das Grün schon früher als es viele Tiere gewöhnt sind. Können Wildtiere darauf reagieren?

Dieser Frage haben sich Forscher der Universitäten Oslo, Würzburg und Freiburg im Nationalpark Bayerischer Wald erstmals in einem experimentellen Ansatz gewidmet. Verantwortlich für die Studie war Jörg Müller, Professor für Tierökologie und Tropenbiologie an der Uni Würzburg und Forschungsleiter im Nationalpark Bayerischer Wald. Im Bayerwald gibt es die dafür notwenige Infrastruktur, da ein Großteil der Hirsche die kalte Jahreszeit in vier Wintergattern verbringt.

20 Hirsche mit GPS ausgestattet

In dem Experiment haben die Wissenschaftler 20 Hirsche mit GPS-Sendern bestückt. Die Hälfte der Tiere hatte im Frühjahr sofort Zugang zu frischem Grün, für die andere Hälfte wurden die Gatter erst sechs Wochen später  geöffnet.

Die jetzt in der Fachzeitschrift „Ecology“ publizierten Ergebnisse zeigen, dass die Tiere gezielt die frische und nährstoffreiche Vegetation aufsuchen. Die Hirsche, die die Wintergatter bereits früh verlassen hatten, „surften“ direkt auf der Welle des frischen Grüns vom Tal zu den Höhenlagen. Aber auch die später aus den Gattern entlassenen Tiere zeigten sich hochflexibel. Sie rannten einfach schneller bergauf, dorthin, wo besseres Grün zu finden war.

Unerwartet hohe Flexibilität

„Beobachtet hatte man dieses Verhalten schon seit Jahren, doch erst jetzt im Experiment wurde bewiesen, welch hohe individuelle Flexibilität Rothirsche zeigen, um auf veränderte Umweltbedingungen reagieren zu können“, fasst Jörg Müller das Ergebnis der Studie zusammen. Oder, kurz gesagt: „Die Tiere sind in der Lage, sich schnell und flexibel anzupassen.“ Eine Eigenschaft, die sie angesichts des Klimawandels gut gebrauchen könnten.

Green wave tracking by large herbivores: an experimental approach. Rivrud Inger Maren; Heurich Marco; Krupczynski Philipp; Müller Jörg, Mysterud Atle: In: Ecology. Ecological Society of America (Volume 97, Issue 12). DOI: 10.1002/ecy.1596/full  

Kontakt

Prof. Dr. Jörg MüllerT: (0931) 31-83378, joerg.mueller@uni-wuerzburg.de

Als Europa sich von den Arabern abwandte

Der christliche Theologe Thomas von Aquin triumphiert über die Lehren des Arabers Averroes (unten Mitte). Tafelbild im Dominikanerkloster San Marco (Florenz) aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. (Foto: Polo Museale Regionale della Toscana)

In der Renaissance begannen die Europäer, die arabischen Wurzeln ihrer Kultur zu verdrängen: Damit befasst sich das neue Buch des Würzburger Philosophie-Professors Dag Nikolaus Hasse.

In der Epoche der Renaissance, dem 15. und 16. Jahrhundert, kam es in Kunst und Kultur zu einer verstärkten Hinwendung zur griechischen und römischen Antike. Gleichzeitig markiert die Renaissance auch einen Wendepunkt in den europäisch-arabischen Beziehungen. Das zeigt Professor Dag Nikolaus Hasse von der Universität Würzburg in seinem neuen Buch auf.

Oft gehe die Forschung davon aus, dass sich die Menschen der Renaissance nur wenig für die Wissenschaft und Philosophie der Araber interessierten. Doch Hasse weist in seinem englischsprachigen Buch nach, dass die Dinge anders liegen.

Boomendes Interesse an arabischen Werken

Auf der einen Seite erreichten arabische Traditionen wie Pharmakologie, Astrologie oder Intellekttheorie in der Renaissance den Höhepunkt ihres Einflusses. So gab es in dieser Epoche geradezu einen Boom an lateinischen Neuübersetzungen und Neuausgaben arabischer Werke, zum Beispiel von Avicennas Kanon der Medizin oder von Averroes‘ Kommentaren zur aristotelischen Logik.

Zudem übernahmen viele Gelehrte der Renaissance arabische Ideen in den Bereichen Medizin, Astrologie und Philosophie. Sie verteidigten diese Ideen auch gegen Kritiker.

Bewusste Verdrängung der arabischen Wurzeln

„Auf der anderen Seite begann man in dieser Zeit damit, die arabischen Wurzeln der europäischen Kultur zu vergessen und sie sogar bewusst zu verdrängen“, sagt Hasse. Im Namen eines radikal verstandenen Humanismus wurden arabische Autoren auf den Lehrplänen europäischer Universitäten gezielt durch griechische Autoritäten ersetzt.

Harsche Polemiken begleiteten diesen Prozess. So wurde arabischen Wissenschaftlern zu Unrecht vorgeworfen, sie seien Religionsfeinde, Plagiatoren und Sprachverfälscher.

Aber die Polemik war nicht nur ideologisch: Die Humanisten waren Sprachexperten und als solche erstmals in der Lage, in arabischen Wissenschaftstexten Defizite aufzuzeigen. Diese waren durch Übersetzungs- und Überlieferungsfehler entstanden.

Mischung aus ideologischen und wissenschaftlichen Motiven

Der Würzburger Professor zeigt in seinem Buch, wie eine Mischung aus ideologischen und wissenschaftlichen Motiven dazu führte, dass manche arabischen Traditionen in der europäischen Kultur nahezu verschwanden, während andere weiterhin florierten.

Die Intellekttheorie des Averroes beispielsweise wurde zwar als religionsfeindlich und nicht-griechisch angegriffen, fand aber weiterhin klug argumentierende Anhänger. Erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde sie durch rivalisierende philosophische Theorien ersetzt.

Dag Nikolaus Hasse: “Success and Suppression. Arabic Sciences and Philosophy in the Renaissance”, Harvard University Press 2016, 688 Seiten, 54 Euro, ISBN 9780674971585.

Informationen über den Buchautor

Dag Nikolaus Hasse ist Professor am Institut für Philosophie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die arabische Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte, der arabische Einfluss in Europa aus historischer Sicht sowie die europäische Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte des 12. bis 16. Jahrhunderts.

Mit seinen Studien hat Hasse unter anderem gezeigt, wie intensiv und fruchtbar der kulturelle Austausch zwischen Gelehrten und Institutionen aus dem Orient und dem Okzident war. Er verbindet historisch-philologische Forschung mit neuen, selbst entwickelten Analyseverfahren. So identifizierte er mit philologischen und computergestützten Methoden die sprachlichen Eigenheiten einzelner Übersetzer arabischer Texte und rekonstruierte so deren Rolle in den großen Übersetzerschulen und ihren Einfluss auf die Geschichte der europäischen Wissenschaften.

Für die Leistungen, die er auf diesen Gebieten erbracht hat, erhielt Hasse 2016 den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die renommierte Auszeichnung ist mit 2,5 Millionen Euro Forschungsgeldern dotiert.

Kontakt

Prof. Dr. Dag Nikolaus Hasse, Lehrstuhl für Philosophie III der Universität Würzburg, T +49 931 31-82778, dag-nikolaus.hasse@uni-wuerzburg.de

Quelle: Universtitaet Würzburg